TOUR-FESTIVAL 2008 IN GEROLSTEIN
Vorbereitung
Naja, wie soll man sich auf so ein Event vorbereiten ? Am Samstag den 17.05.2008 war das Team-Zeitfahren über 30,6 KM angesagt. Sonntags sollte der Marathon über 120 KM folgen.
Die einzige Vorbereitung war ein Test am Dienstag davor, wie gut ich über diese Distanz komme, wenn ich im Wind ziehen muss. 40 KM und 400 Höhenmeter in 01:17 sollten ausreichen. Also hin !
Der Tag vor dem Wettkampf
Wir, das sind Wiebke, Gudrun, Peter und ich reisten einen Tag vorher an. Das machte auch Sinn, um sich zu "aklimatisieren". Sandor hatte sich als psychische Unterstützung ebenfalls angesagt, und so waren wir abends wie geplant in Hohenfels. Die Wohnung, mehr oder weniger ein ganzes Haus, lag günstig am Straßenende in Hohenfels. Das bedeutete keinen Durchgangsverkehr und optimale Bedingungen für eine mentale Vorbereitung.
Die Vermieterin unterstütze die Vorbereitung sofort nach der Ankunft mit einem Besuch im "Zwitscherhäuschen". Das war ein kleines Hlozhäuschen im Garten, an dem ein kleines Vogelhäuschen mit hochprozentigem Inhalt angebracht war. Diesen mussten wir natürlich sogleich testen, und entsprechend angezwitschert sind wir dann ins Haus gegangen, um unsere Zimmer in Beschlag zu nehmen.
Die Zimmerverteilung war kein Problem, jeder hatte schnell seine Örtlichkeit für die nächte gefunden, wobei natürlich die Frauen die Qual der Erstwahl hatten.
Zu Essen hatte jeder mitgebracht (trockenes Brot, ein wenig Käse), was aber nicht weiter wichtig war. Interessanter waren die Flüssignahrungen in Form von Bier (mit und ohne Alkohol) sowie Wein (mit und ohne Alkohol). Schnell war ein gesunder Pegel erreicht, und wie Sportler nunmal sind, haben wir uns zeitig gegen 1 Uhr nachts in unsere Betten zurück gezogen. Das brachte aber mindestens Peter wenig, der eine Schnachorgie von mir über sich ergehen lassen musste. Immerhin habe ich gut geschlafen...
1. Wettkampftag - Teamzeitfahren
Da niemand an so etwas profanes wie einen Wecker gedacht hat, mussten die Handies herhalten.
Aber wer brauch sowas schon, wenn der Start erst auf mittags 13:07 terminiert ist ?!
Ziemlich ausgeschlafen (außer Peter) haben wir uns also in der Küche getroffen, um wieder Flüssignahrung aufzunehmen und den Kohlehydrathaushalt mit trocknem Brot aufzufüllen.
Ein kurzer Schwatz mit dem Vermieter, eine letzte Kontrolle der Räder, dann konnte es losgehen.
Die Straße nach Gerolstein ist abschüssig, es rollt also gut.
Dementsprechend gut halten wir bereits jetzt unsere Zeitfahrposition ein.
Immerhin hier klappt das ganz fantastisch !
Die Fahrt zum Startbereich ist ereignislos.
Locker flockig erreichen wir das Startzelt.
Die notwendigen Startutensilien sind schnell geholt, die Inspektion der grellgelben Tasche erfolgt ohne größere Überraschungen.
Die Startnummern sind nett gemacht, dazu gibts die üblichen Kabelbinder.
Die Startnummer am Rad anzubringen ist nach einiger Tüftelei fix erledigt... um dann zu merken, daß ich die Startnummer vom Marathon angebracht habe, was nicht einer gewissen Sinnlosigkeit entbehrt.
Es kostete mich einiges an Überzeugungskraft, einem Organisator klar zu machen, daß ich eine Zange, Schere oder ähnliches sowie zwei neue kabelbinder brauche, um das Missgeschick zu beseitigen. Irgendwann gibt er aber auf und reicht mir ein Teppichmesser, mit dem ich meinen halben Lenker zerlege, aber auch die lästige Startnummer abbekomme.
Und dann, irgendwann, viele Minuten und Flüche später, prangert die korrekte Startnummer am Rad eines Siegers... nunja, eines moralischen Siegers...
Wir schlendern locker Richtung Start, der schon von vielen Teams bevölkert ist.
Was sich da alles tummelt !
Und manche scheinen zu glauben, daß sie gegen uns eine Chance haben.
Nunja, ihr Helden, gebt euer bestes !
Aber auch eure Zeitfahrhelme und die Zeitfahrräder werden euch nichts nutzen, wenn unser Maximalpulsvermeider-Express erstmal ins Rollen kommt !!
Team für Team wird durch das Startzelt abgewunken, lässt die Räder surren und schießt über die kurze Startgerade.
Irgendwann stehen wir endlich vorne, Peter links von mir, hinter mir Wiebke, daneben Gudrun.
Die Konzentration ist fast zum Greifen nah, die Zuschauer ersticken in ehrfürchtigem Schweigem (oder kam mir das nur so vor ?), der Sprecher kündigt uns an, nennt unsere Namen, zählt die Sekunden herunter... 3....2....1....START !
Es geht los !
Mit Biß trete ich in die Pedale, reihe mich hinter Peter ein, sause um die erste Linkskurve, werfe das Rad nach rechts in die nächste Kurve, schieße in den ersten Anstieg....
Hups, geht das plötzlich schwer !
Entweder haben sich die Bremsen in der Felge verhakt, oder meine Vorbereitung war nicht 100% die richtige.
Immerhin scheint es unseren Mädels ähnlich zu gehen, und wir schleichen mehr als wir fahren den Anstieg hinauf.
Kaum sind wir oben, überholt uns auch schon das erste Team !
Und das nach knapp einem Kilometer !
Hmm, der Sieg scheint sich bereits jetzt in Schall und Rauch aufzulösen.
Egal, irgendwann haben auch wir den höchsten Punkt erreicht. Ab da geht es erstmal abwärts, über eine Brücke und dann auf die Hauptstrasse.
Der Express funktioniert langsam, die Formation ist gefunden.
Peter ist vorne und zieht mächtig an den Griffen. Die leicht abschüssige Strecke erleichtert uns die Arbeit, und schließlich sausen wir mit fast 40 Sachen geordnet zum Wendepunkt.
In den Ortschaften stehen immer wieder Menschen an der Strecke und feuern jedes Team an.
Das puscht einen zusätzlich nach vorne und macht Kräfte frei.
Etwas früher als erwartet tauchen wir am Wendepunkt auf, zuckeln mehr oder weniger gekonnt um die Wendemarke und nehmen wieder Fahrt auf.
Jetzt geht es leicht bergan, und die Beine geben erste Impulse, daß das Tempo sehr hoch war.
Die Formation bleibt aber bestehen, und jeder gibt sein Bestes, geht an seine Grenzen.
Dazu immer wieder der Applaus der Zuschauer und das Gefühl, in einem "richtigen" Rennen zu sein.
Peter führt schon eine ganze Weile, und als er dann aus der Führung geht, taucht vor mir der einzige nennenswerte Anstieg auf.
MIST ! Und ausgerechnet ich soll da hochziehen... naja, was solls.
Einer muss es ja tun. Ich trete grade richtig in die Pedale, da kommt von hinten ein "STOP ! Kette runtergefallen !"
Wiebke hats erwischt.
Als sie auf das kleinere Blatt schalten wollte, hat die Kette nicht mehr gegriffen und sie tritt ins Leere.
Das macht natürlich den schönen Schwung zunichte, und nachdem in Sekundenschnelle die Kette wieder ihren angestammten Platz einnimmt, nehmen wir wieder Fahrt auf.
*ugh* am Berg anfahren, es gibt schöneres in einem Radlerleben.
Trotzdem, schnell ist die Formation wieder eingenommen, der Express nimmt wieder Fahrt auf.
Immer öfter melden meine Beine aber "Funktionsende"... zumindest wollen sie mich das Glauben machen.
Man muss ja nicht auf alles hören, und so treten meine Beine weiterhin stakkatoartig in die Pedale.
Mit Erleichterung sehe ich, daß die Abbiegung über die Brücke vor uns auftaucht.
Das bedeutet nicht anderes, als daß das Ziel in greifbarer Nähe ist.
Nur noch ein Anstieg liegt vor uns, der dafür aber umso heftiger.
Am Fuße des Anstiegs verliert die Formation ihre Gültigkeit, und jeder schaut zu, daß er irgendwie möglichst schnell über den Hügel kommt.
Ein wenig wundere ich mich, daß die Beine hier wieder ihre Arbeit aufnehmen, und mich schließlich dicht hinter Peter auf den höchsten Punkt tragen.
Ab hier ist es eigentlich geschafft, und es geht nur noch abwärts.
Ich lasse den Rädern freien Lauf, nehme soviel Schwung auf, wie ich kann, und schliddere in die letzte links-rechts-Kombination.
Das Ziel taucht dann eher plötzlich vor mir auf und ich gebe nochmal alles, steige aus dem Sattel und hole mehr oder weniger wertvolle Zehntelsekunden heraus.
YAPP ! GESCHAFFT ! Als erster unseres Teams überquere ich die Ziellinie, dicht gefolgt von Peter, Wiebke und Goody.
Im Zielfoto sehe ich nachher, wie eng wir zusammen über den Zielstrich gesaust sind...
Der Aufenthalt im Zielbereich ist dann pure Entspannung, Stolz und Freude über das Geleistete.
Später sehen wir dann auf der Ergebnisliste, daß unsere Leistung nicht grade weltmeisterhaft war.
Immerhin hat es gereicht, um 2 Mixedteams, 2 herrenteams und ein Damenteam hinter uns zu lassen...
2. Wettkampftag - Marathon
Naja, "Marathon" ist das falsche Wort.
Es ist eher eine RTF, da Peter und ich "nur" die 120er Strecke gewählt haben.
Mit gut 2.000 Höhenmeter hat die es aber in sich.
Der morgen beginnt durchwachsen. Ein Blick aus dem Fenster zeigt uns: trostlose Aussichten - es regnet.
Das kann ja was werden.
Die Beine sind noch schwer vom Vortag, die Nerven vor der anstehenden Belastung angespannt und die Lust ob des etters eher bei Null.
Aber okay, ich habe es ja nicht anders gewollt !
Peter und ich sind die einzigen, die am Marathon teilnehmen.
Goody hat uns schon am Tag zuvor verlassen, und Wiebke will sich das ständige Auf und Ab der Eifel nicht antun.
Unser Vermieter schaut uns mitleidig an, als wir kurz vor der Abfahrt erzählen, wo wir entlang fahren.
Komisch, warum schauen die so ?!
Peter und ich fahren mit dem Auto zum Start, suchen uns ein flauschiges Plätzchen für den Wagen und bereiten unsere Räder auf das Kommende vor.
Der Regen hat seine Arbeit eingestellt, und so schlendern wir guten Mutes zum Start.
Wir sind irgendwo in Gruppe C, werden aber dann doch zur Gruppe B gelotst.
Egal, wir werden wohl schon irgendwie in die richtige Gruppe finden.
Am Start gibt es noch einen netten Plausch mit einem weiteren Teilnehmer, der das Forumstriko trägt, und nach kurzer Ansprache von Gerolsteiner-Manager Holczer wird der Marathon freigegeben.
Mit 1500 weiteren Radverrückten rollen wir im Pulk durch Gerolstein, verlassen irgendwann die Hauptstrasse und werden auf Nebenwege geleitet, die die nächsten 6 Stunden unsere Begleiter sein sollen.
Schon am Start habe ich ein gewisses natürliches Bedürfnis gespürt, und als wir endlich zwischen den Häuserfluchten durch sind und in ein Wäldchen einbiegen, lasse ich dem Bedürfnis freien Lauf und dünge die Gewächse mit ungedopter Flüssigkeit.
Schon jetzt zeigt sich aber, was uns den ganzen Tag umsorgt: Feuchtigkeit, Wolken, Wind und Hügel.
Bei dem Wind wird man gar nicht richtig warm, auch wenn es kaum ebene Strecken gibt und die Beine genug zu tun bekommen.
Peter ist gut drauf und verschwindet immer wieder vor mir in den Menschenmassen.
Ich versuche immer wieder, mich hinter einem Vordermann zu verstecken... nicht wegen der mangelnden Fitness, sondern natürlich nur, um dem kalten Wind zu entgehen...
Es macht, trotz aller Wiedrigkeiten, Spaß.
Man findet immer eine Gruppe, in der es sich Fahren lässt.
Teilweise plaudere ich mich wildfremden Menschen, und man tauscht Radfahrerlatein aus.
Trotzdem: die Anstiege haben es in sich.
Mehr schlecht als Recht erklimme ich die vielen Höhenzüge, quäle mich immer wieder an vor mir fahrende Fahrer heran, frage mich, warum ich mir sowas antue.
Peter ist schon längst in den Menschenmassen verschwunden.
Am K1 finde ich ihn dann wieder.
Er muss hier gefühlte Stunden auf mich gewartet haben.
Ich finde es aber nett von ihm, daß er mich nicht meinem Schicksal überlässt und mir sowas wie Motivation und Geleitschutz gibt.
Aber irgendwie überkommt mich das Gefühl, daß es so ist, als würden Vater und Sohn eine gemeinsame Radtour machen: der Vater (ich) sucht sich ständig am Limit fahrend seinen Weg, derweil der Sohn (Peter) immer um den Papa herumfährt und ruft "komm doch endlich Papa ! Komm doch !".
Nur: Papa ist schon längst im roten Bereich und fragt sich, wie er die letzten Kilometer noch überstehen soll.
Die letzten ?! Ein Blick auf dem Tacho zeigt mir, daß wir erst bei KM 70 sind !
Das bedeutet nichts anderes als weitere 50 Kilometer Qual und Schmerz und dem Tod ins Auge sehen.
Innerlich entsteht ein Bild in mir, daß mich halbtot im Strassengraben zeigt, derweil tausende von Radfahrern schwatzend und gut gelaunt an mir vorbeifahren.
Wie schaffen die das bloß ?!?!?!
Bei letzten Kontrollpunkt brauche ich dann eine längere Pause.
Peter sitzt sichtlich erholt neben mir, derweil ich mich frage, woher ich die letzen Körner nehmen soll, die mich bis ans Ziel tragen sollen.
Da stürzt eine Gruppe Semiprfessioneller Fahrer heran, ruft "Wasser ! Wasser !", schnappt im Fahren (die müssen berghoch mindestens 30 Sachen draufgehabt haben !) nach kleinen Trinkfläschen und Bananen und verschwindet genauso schnell, wie sie gekommen sind.
Ich schaue Peter an und frage nur "was war das ?!?!".
"Ooch" meint er, "das müssen die führenden gewesen sein. Die dürften schon in der letzten Runde sein."
"Letzte Runde ?" frage ich mich verwundert ?
Dann hätten die schon gut 180 KM auf dem Buckel.
Und ich bin schon nach 90 KM klinisch tot !
Wir nehmen schließlich die letzten 30 KM in Angriff.
Peter zieht und zieht, versucht mich mit Worten zu motivieren und gibt Windschatten, wo er nur kann.
Aber berghoch Windschatten ist eben nicht sehr effektiv, und so schleppe ich mich am Rande der Bewußtlosigkeit die Anstiege hinauf.
Irgendwann kommt von einem Streckenposten der Hinweis "alle auf der letzten Runde hier links ab. Nur noch 10 KM, es geht nur noch bergab !"
Oh, ich hätte ihn küssen und umarmen können !
Peter gibt bergab windschatten, und so kann sogar ich halbwegs mithalten.
Unterwegs treffen wir dann noch auf ein Päärchen, wodurch wir eine 4er-Gruppe ergeben, die sich Richtung Ziel schleppt.
Naja, "schleppen" ist für die anderen 3 wohl das falsche Wort.
Der einzige, der mit den letzten Kilometern Schwierigkeiten hat, scheine ich zu sein.
Aber irgendwie klappt es, quetsche ich noch genügend aus meinen Beinen heraus, um die ersten Häuser von grolstein zu sehen.
Der Rest ist dann nur noch formsache.
Je näher das Ziel kommt, desto mehr scheinen die Beine irgendwelche Körner aus den hintersten Winkeln herausholen zu können.
Erschöpft, aber auch irgendwie mächtig stolz überquere ich, lange nach Peter, die Ziellinie...
Fazit
Tja, das Fazit ?! Anstrengend wars. Aber auch gut.
Das ganze hatte einen Touch von Wettkampf in entspannter Atmosphäre.
Es war einfach fantastisch, soviele Radler zu erleben, die vom semiprofessionellen Fahrer bis zum absoluten Hobbysportler alles umspannt haben.
Die Landschaft war natürlich fantastisch, auch wenn das Wetter nur halb mitgespielt hat.
Aber wer hat schon Einfluss auf den Wettergott ?!
Nächstes Jahr ? Ev. würde ich ein Teamzeitfahren nochmal mitmachen.
Der Marathon, grade über die längeren Distanzen, ist mir allerdings bei dem Profil zu heftig...